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Sieben Geschichten zu Charakterbäumen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und Thüringen

Sylvia Knittel ist seit zehn Jahren Pressesprecherin der SV. Seit vier Jahren ist sie leidenschaftliche Hobbyfotografin und Gartenliebhaberin. Frühes Aufstehen für das perfekte Foto ist für sie keine Last, sondern Lust. Jede freie Minute zieht sie los, um die Schönheiten in wunderbaren Motiven einzufangen. Auf ihrem Blog Schärfentiefe zeigt sie ihre Werke und schreibt Geschichten um ihre Fotografien www.schaerfentiefe-blog.de. Für die Titelmotive der Finanzberichte der SV ist sie zu sieben Charakterbäumen gereist und hat sie im besten Licht vor die Linse bekommen:
  • Silberbornlinde in Thüringen
  • Sulzeiche in Baden-Württemberg
  • Weidbuche in Baden
  • Speierling in Südhessen
  • Rapp-Eiche in Nordhessen
  • Urweltmammutbaum in der Kurpfalz
  • Orientalische Platane in der Kurpfalz


An der silbernen Quelle
Der Hainich in Thüringen ist UNESCO-Weltnaturerbe, weite Teile des Waldes sind unzugänglich, es leben dort seltene Tierarten wie Wildkatzen, Schwarzkehlchen und Käfer, die schon als ausgestorben galten. In früheren Zeiten befand sich oberhalb von Berka vor dem Hainich eine kleine Siedlung, in deren Nähe die Silberbornlinde wuchs. Die Silberbornlinde trägt ihren Namen von einer kleinen Quelle, die an ihrem Fuß entspringt. Der Sage nach bringt der Baum Fruchtbarkeit. Die über 300 Jahre alte Linde hat einen hohlen Stamm, der sich wie ein Kelch öffnet und an dieser Stelle einen Umfang von fast zwölf Metern hat.
Die ursprüngliche Krone fehlt, aber die Neuaustriebe haben eine neue Krone gebildet.
Nachdem weite Bereiche des Hainichs zu DDR-Zeiten als Truppenübungsplatz oder die Bäume als Holzquelle zum Heizen genutzt wurden, ist es ein Wunder, dass die Silberbornlinde unbeschädigt überlebt hat.
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Stiller Veteran
Im Schönbuch, dem Naturpark südlich von Stuttgart, wachsen nicht nur Buchen. Die Sulzeiche oberhalb von Waldorfhäslach am Rand des Schönbuchs ist bereits 450 Jahre alt. Vermutlich hat sie um 1550 gekeimt, also kurz nach den Bauernkriegen. Der Baumriese steht ganz unauffällig am Waldrand, versteckt hinter einer Streuobstwiese. Erst aus der Nähe wird sichtbar, wie groß und ausladend die Sulzeiche wirklich ist. Einige Äste haben sich auf den Boden abgesenkt und haben von dort aus neu ausgeschlagen. Auch wenn der Großteil der langsam wachsenden Eichen-Arten in Nordamerika heimisch ist, gelten Eichen als typisch deutsche Bäume, vor allem die Stieleiche (Quercus robur). Nicht umsonst war auf allen Münzen der D-Mark-Zeit Eichenlaub abgebildet. Auch auf den kupfernen Euro-Cent-Münzen aus Deutschland sind Steileichen-Blätter abgebildet.
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Leckerli für Kühe
Weidbuchen sind botanisch gesehen ganz normale Rotbuchen (Fagus sylvatica). In dieser Form aber gibt es sie nur im Schwarzwald. Eine Weidbuche ist im eigentlichen Sinne kein einzelner Baum, sondern eine Baumfamilie. Auf den steilen Weiden wachsen kleine Gruppen von Buchensämlingen langsam heran, stetig abgefressen von den heimischen Hinterwälder-Rindern, die das junge Buchenlaub lieben. Nach vielen Jahren schließlich schiebt sich der eine oder andere so genannte Kuhbusch doch über die Höhe der Rindermäuler hinaus. Die Stämme der nah beieinander stehenden Sämlinge wachsen zusammen und bilden einen einzigen mächtigen Stamm.
Nach hundert Jahren ist daraus eine prächtige Weidbuche mit einer ausladenden Krone entstanden. Diese Weidbuche hier ist etwa 250 Jahre alt. An ihrem Stamm lässt sich schon erkennen, wie das typische Ende einer Weidbuche aussieht: Die zusammengewachsenen Stämme sterben teils ab oder brechen auseinander. Ein harter Winter oder Sturm gibt dem Baum den Rest. Und dann heißt es: Nachwuchs vor!
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Süßsaure Rarität
Sorbus domesticus, der Speierling, ist ein Wildobstbaum. Er trägt kleine birnenförmige Früchte, die sauer schmecken, aber als Beigabe zum hessischen Äppelwoi diesem das typisch herbe Aroma geben. Am Ortsrand von Ockstadt nördlich von Frankfurt befindet sich in einer Obstplantage dieser Speierling. Mit über 200 Jahren gehört er zu den ältesten seiner Art. Er überragt wie ein mächtiger Turm alle um ihn herum stehenden Bäume.
Heutzutage sind Speierlinge selten geworden, da sie eher langsam wachsen und im Wald schnell von anderen Bäumen verdrängt werden. Seine Ähnlichkeit mit der verwandten Eberesche erkennt man an den gefiederten Blättern und den Blüten, die in weißen Dolden im Frühjahr den Baum überziehen.
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Im Märchenwald
Am äußersten Zipfel Nordhessens liegt der Reinhardswald, einer der Wälder in Deutschland mit dem ältesten Baumbestand. Ein Teil davon ist der Urwald Sababurg, gelegen zwischen dem gleichnamigen Schloss und dem Schloss Beberbeck. Mächtige, bis zu 800 Jahre alte Stieleichen (Quercus robur) strecken ihre Äste gen Himmel. Abgestorbene Bäume bleiben im Urwald liegen, aus ihrem zerfallenden Holz entsteht neues Leben.
Der wilde Wald wirkt wie direkt aus der Märchensammlung der Gebrüder Grimm entsprungen. Diese lebten viele Jahre lang nur wenige Kilometer entfernt in Kassel. Die Rapp-Eiche hätten sie schon gekannt, denn sie ist ungefähr 300 Jahre alt und war zur Zeit der Grimms ein bereits erwachsener Baum. Der Name Rapp-Eiche ist noch nicht sehr alt, denn sie ist nach einem noch lebenden Förster des Urwalds benannt.
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Lebendes Fossil
Metasequoia glyptostrobiodes, der Urweltmammutbaum, war lange nur als Fossil aus der Kreidezeit bekannt. Erst 1941 entdeckte man in China in einer unzugänglichen Bergregion lebende Exemplare und konnte so nachweisen, dass der Baum doch nicht ausgestorben ist. In den Jahren danach wurden einige Samen an Botanische Gärten in Europa abgegeben, so auch an den Hermannshof in Weinheim. Der Baum dort ist also erst gut 70 Jahre alt, gehört aber zu den ältesten Metasequoia außerhalb von China. Die weichen hellgrünen Nadeln verfärben sich im Herbst kupferrot und werden abgeworfen. Der seit 1770 existierende Hermannshof im Herzen von Weinheim ist seit 1983 ein Schau- und Sichtungsgarten. Er ist in der ganzen Welt unter Gartenfachleuten und -freunden für seine seltenen Gehölze und schönen Pflanzkombinationen bekannt.
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Orientale an der Bergstaße
Platanen sind typisch für Mittelmeerländer. Im Schatten der mächtigen Bäume lässt sich so mancher Sommertag aushalten. Die westliche und die ahornblättrige Platane mit ihren großen Blättern sind recht robust und auch in Deutschland häufig zu finden, oft als Alleebaum. Ihre botanische Schwester, die orientalische Platane ist zu kälteempfindlich, um hierzulande an vielen Stellen zu wachsen. Sie hat fein geschlitzte Blätter und ist insgesamt zierlicher, hat aber die typisch fleckige Rindenzeichung der Platanen.
Im Hermannshof in Weinheim, im warmen Klima der Bergstraße, steht eines der seltenen Exemplare. Sie wurde 1770 als eines der ersten Gehölze bei der Anlage des Hermannshofs gepflanzt und bewacht bis heute die östliche Ecke des Parks. Sie ist aber mit ihren 250 Jahren noch ein Jungspund, denn Platanen können bis zu zehn Mal so alt werden.
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Interview mit der Fotografin Sylvia Knittel

Was hat Sie an dem Fotoprojekt "Charakterbäume" besonders fasziniert?
Bäume zu fotografieren ist nicht einfach. Jeder Baum hat tatsächlich seinen eigenen Charakter, der erst einmal erspürt werden will. Was für ein Typ bist Du? Einsamer Kämpfer oder freundlicher Geselle? Gradlinig oder gewunden, ausladend verzweigt oder schlank - von welcher Seite und aus welcher Perspektive zeigt sich dein Charakter besonders? Wo ist deine Schokoladenseite, wo hast Du schon einmal gelitten? Das alles geht mir durch den Kopf, wenn ich den Baum dann vor mir habe. Im Vorwege habe ich gründlich recherchiert, schließlich musste ich wissen, wo sich die Riesen befinden, wie die Sonne zu den Tageszeiten steht, etwas über sie und ihre Geschichte lernen und eine vielfältige Auswahl für die verschiedenen Titelbilder treffen. Dann mit der Kamera vor dem Baum zu stehen, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Einige habe ich besucht, ohne dass ich in der Lage war, ein verwertbares Bild zu produzieren, manche haben sich fast in Pose geworfen. Und vor manchen bin ich in die Knie, ja sogar auf den Bauch, um ihre ganze Pracht zu erfassen. Für die Weidbuchen habe ich am heißesten Wochenende des Jahres in den steilen Weiden oberhalb von Schönau geschwitzt, für die letztlich nicht verwendete Kirsche in Blofeld bin ich durch Brennnesseln gewatet. Aber Freude gemacht hat es immer und die Bäume lassen mich noch lange nicht los.

Links zur Recherche über große Bäume:

Online-Datenbank (vor allem D,A,CH):
www.baumkunde.de
Monumentale Bäume weltweit:
www.monumentaltrees.com/de

Deutsche dendrologische Gesellschaft:
www.ddg-web.de

Sylvia Knittel mit Baum

Sylvia Knittel hat das Fotoprojekt "Charakterbäume" umgesetzt. 

Sylvia Knittel mit Baum

Sylvia Knittel hat das Fotoprojekt "Charakterbäume" umgesetzt. 

Was ist Fotografieren für Sie?
Fotografieren ist für mich Konzentration pur, Tun ohne jegliche Ablenkung. In meinem Job bin ich es gewohnt, viele Dinge gleichzeitig zu machen und verschiedenste Themen zu jonglieren. Da ist es ein großartiger Ausgleich, wenn ich mich so fokussieren kann, dass nichts anderes mehr in meinem Kopf Platz hat. Beim Fotografieren gelingt mir das sehr gut.
Gleichzeitig setzt die Fotografie viel kreative Energie bei mir frei. Fotografie fordert mich und motiviert mich immer wieder neu, weil sie mir geistige und körperliche Beweglichkeit abverlangt. Meine Ideen in ein Bild umzusetzen, das diese Ideen wiedergibt, ist nämlich gar nicht so einfach. Was unser Auge sieht, ist nicht das, was die Kamera abbildet - zumindest meistens.
Das Licht spielt eine Rolle, es kann sich von Sekunde zu Sekunde verändern und damit den gesamten Charakter des Bildes neu definieren. Das Motiv kann sich verändern, dann passt die Blickrichtung nicht mehr genau oder ein Mensch läuft ins Bild. Mal hilft ein Perspektivwechsel, mal eine Veränderung der Situation, mal eine Anpassung der Idee, um zum Ziel zu kommen. Also suche ich, ohne mich einschränken zu lassen, nach einer Lösung. Manchmal lasse ich das Foto sein, wenn es mich nicht überzeugt, manchmal lasse ich mich auch einfach überraschen.
Die Übersetzung in ein gutes Bild ist immer eine kreative Herausforderung. Und es gehört auch Handwerk dazu, um ein Bild gut umzusetzen – und da rede ich nicht von der Nachbearbeitung! Fotografie ist eine sehr technische Disziplin. Ich habe viel über Optik gelernt und über die Vorgänge, die auf dem Sensor der Kamera in bestimmten Lichtsituationen passieren. Klingt ziemlich unromantisch, aber schließlich möchte ich die Kamera beherrschen und nicht sie mich.

08.05.2017

Autorin:
Stefanie Rösch

Kontakt in die Redaktion:
onlinemagazin@sparkassenversicherung.de

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