Kinder klettern im Baum
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Zu Besuch bei einer Regenbogenfamilie

Nora und Tore haben zwei Mütter: Folke Hartwig und Anette Bauer-Hartwig. Die beiden Psychotherapeutinnen teilen sich alles zu gleichen Teilen – die Zeit mit den Kindern und die Arbeit in der gemeinsamen Praxis. Die Hartwigs sind Teil einer fünfteiligen Serie, in der wir verschiedene Familienmodelle - von Großfamilie bis zur Regenbogenfamilie - vorstellen. Wir zeigen, wie es in Deutschland Familien schaffen, ihr Familienleben und den Beruf zu vereinen.    
Morgens gehen alle gemeinsam aus dem Haus, nur die beiden Katzen bleiben daheim. Wenn Folke Hartwig und Anette Bauer-Hartwig bei ihrer Praxis in der Altstadt ankommen, laufen Nora (8) und Tore (6) noch ein Stückchen alleine weiter. In Engen, einer verschlafenen Kleinstadt am Bodensee, ist nicht viel los. Nachmittags, wenn die Kinder nach Hause kommen, kümmert sich eine der beiden Mütter um sie. Außerdem hilft eine Frau an zwei Tagen in der Woche, überbrückt die Mittagszeit, damit die beiden Psychotherapeutinnen länger in der Praxis bleiben können. „Die Tages- und längst auch Ersatzomi der Kinder. Die Unterstützung kostet viel Geld“, sagt Folke Hartwig, „aber uns ist wichtig, dass wir beide arbeiten.“ Dafür braucht es genaue Absprachen. Folke Hartwig fügt lachend hinzu: „Wir sind Frauen – wir reden sowieso andauernd!“
Seit 2005 leben Folke Hartwig und Anette Bauer-Hartwig in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. 2006 – damals waren sie noch in verschiedenen Praxen beschäftigt – zogen sie nach Engen, um etwa gleich lange Fahrtwege zu ihren Arbeitsstätten zu haben. Dann kam Nora zur Welt. 2010 eröffneten sie ihre gemeinsame Praxis im Ort, und noch im selben Jahr wurde Tore geboren.
Besuch bei der Kindergarten- und Schulleitung
Als lesbisches Paar haben sie in Engen bislang keine Diskriminierung erlebt. „Das mag daran liegen, dass wir sehr offen mit unserer Partnerschaft umgehen“, sagt Folke Hartwig. So suchten sie zum Beispiel das Gespräch mit der Kindergartenleitung, lange bevor Nora dort anfing. Auch in der Schule stellten die Mütter ihre Regenbogenfamilie der Leitung vor und informierten die Klassenlehrerinnen darüber, was für ihre Kinder wichtig sein könnte. Dieser offensive Umgang hat sich bewährt: Als die Schüler im Unterricht von ihren Wochenenderlebnissen berichten sollten, traute sich Nora nicht immer, ihre Mütter zu erwähnen. Die Lehrerin ermutigte sie, es doch zu tun, und sprach mit der Klasse über die Vielfalt von Familien.
Anette Bauer-Hartwig serviert Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer mit der großen Fensterfront. „Den haben Mami und ich gebacken“, ruft Nora stolz. Dann schmiegt sie sich an ihre Mama, an Folke Hartwig, während ihr Bruder auf dem Sessel herumturnt. Mami und Mama – so nennen die Kinder ihre Eltern. Die Hartwigs bewohnen die untere Etage eines Zweifamilienhauses. Nora und Tore teilen sich ein Zimmer, schlafen im Doppelstockbett. „Viel Platz haben wir nicht, aber die zwei sind ja noch klein“, sagt Folke Hartwig.
Selbstständigkeit hat viele Vorteile
Ist es für Selbstständige leichter, Kind und Job zu vereinbaren? Anette Bauer-Hartwig zögert: „Schwer zu sagen. Es hilft, dass wir uns die Arbeit selbst einteilen. Im Notfall sagen wir eine Therapiestunde ab, und die Kinder können immer zu uns in die Praxis kommen.“ Aber gleichzeitig sei die Selbstständigkeit manchmal auch hart. „Wenige Wochen nachdem die Kinder geboren waren, habe ich schon wieder in der Praxis angefangen.“
Dass sie Kinder wollten, sei immer klar gewesen, sagt Folke Hartwig. Mit der Unterstützung eines guten Freundes haben sie sich den Wunsch erfüllt. Als Ärztinnen wussten sie, wie Befruchtung bei einer Samenspende gelingen kann. So kennen die Kinder auch ihren Vater, was den beiden Müttern besonders am Herzen lag. Bei wichtigen Ereignissen wie der Segnungsfeier von Tore ist er dabei. Im Familienalltag der Hartwigs spielt er jedoch keine Rolle.
Warten auf Adoption: „Eine schwere Zeit“
Bekommen heterosexuelle Ehepaare mithilfe einer Samenspende ein Kind, gilt der Ehemann als rechtlich anerkannter Vater. Anders bei homosexuellen Paaren: Sie müssen den mühsamen Weg der Stiefkindadoption gehen, damit der nicht leibliche Elternteil dieselben Rechte erhält wie der leibliche Elternteil. „Das war für uns beide eine schwere und lange Zeit“, erinnert sich Folke Hartwig. Ein Jahr dauerte das erste Adoptionsverfahren. Nach Tores Geburt ging es schneller – die Mitarbeiter von Jugendamt und Gericht kannten die Familie Hartwig ja schon.
„Wir hatten keine Rollenvorbilder für unser Familienleben“, sagt Anette Bauer-Hartwig. Ihr Alltag unterscheide sich von dem, was sie in den meisten anderen Familien erlebten: „Spätestens ab dem zweiten Kind ist es bei fast allen der Mann, der das Geld verdient, und die Frau, die die Kinder versorgt. Wir teilen uns beide Bereiche 50 zu 50.“ Unterschiedliche Stärken hätten sie zwar schon: „Ich koche und backe zum Beispiel lieber, und meiner Frau fällt die Büroarbeit leichter“, sagt Anette Bauer-Hartwig, „aber bei Kindern und Finanzen sehen wir uns beide gleichermaßen in der Verantwortung.“ Das schütze jede von ihnen vor finanzieller Abhängigkeit – eine Absicherung, die sie auch Frauen in heterosexuellen Partnerschaften empfiehlt.
Auch Familienprofis machen Fehler
Ist es bei Ihnen als Paar- und Familientherapeutinnen zu Hause harmonischer als bei anderen Familien? „Wir machen auch Fehler, einen nach dem anderen“, sagt Folke Hartwig lachend. Dann erzählt sie, wie Nora für die Fotos, die nach unserem Gespräch gemacht werden sollen, unbedingt ein Kleid anziehen wollte, aber alle zu klein waren. „Hätten wir uns ein bisschen früher damit befasst, hätten wir das in Ruhe klären können – so gab es ein echtes Drama!“ Ihre Frau ergänzt: „Vielleicht denken wir insgesamt mehr über unsere Fehler nach, wegen unseres Berufs, aber auch weil wir als homosexuelles Paar daran gewöhnt sind, uns und unsere Familie viel zu reflektieren.“
Unseren nächsten Beitrag widmen wir Großfamilie Reichle. Wie die Unternehmer Andrea und Axel Reichle aus Leonberg ihren Beruf und sieben Kinder unter einen Hut bringen, lesen Sie in unserem Porträt ab 17. Januar 2017.

10.01.2017
Familie mit zwei Müttern und zwei Kindern

Glücklich zu viert: Folke Hartwig mit Tore, Anette Bauer-Hartwig mit Nora auf dem Schoß.

Familie mit zwei Müttern und zwei Kindern

Glücklich zu viert: Folke Hartwig mit Tore, Anette Bauer-Hartwig mit Nora auf dem Schoß.

Familie sitzt am Esstisch

Tore lässt sich den Kuchen von Mami und Nora schmecken, seine Schwester kuschelt derweil mit Mama.

Familie sitzt am Esstisch

Tore lässt sich den Kuchen von Mami und Nora schmecken, seine Schwester kuschelt derweil mit Mama.

Mutter mit zwei Kindern

Anette Bauer-Hartwig kümmert sich im gleichen Maße um die Kinder wie ihre Frau.

Mutter mit zwei Kindern

Anette Bauer-Hartwig kümmert sich im gleichen Maße um die Kinder wie ihre Frau.

Zwei Frauen auf Sesseln

Die beiden Psychotherapeutinnen stimmen sich auch in ihrer Praxis eng ab.

Zwei Frauen auf Sesseln

Die beiden Psychotherapeutinnen stimmen sich auch in ihrer Praxis eng ab.

Autorin:
Ulrike Wronski

Kontakt in die Redaktion:
onlinemagazin@sparkassenversicherung.de

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